Medikamentenallergien

 

Von Patienten berichtete "Medikamentenallergien" müssen vom Allergologen zunächst in der Regel einer der folgenen Untergruppen zugeordnet werden:

 

1. "Normale" Medikamentennebenwirkungen: "Keine Wirkung ohne Nebenwirkung" heisst bedauerlicherweise ein Grundgesetz in der Medizin. Die Beipackzettel sind voll von potentiell auftretenden "side effects". Diese werden von Patienten oder zum Teil sogar Ärzten jedoch gelegentlich als Allergie fehlinterpretiert. Beispiele wären z.B. das Auftreten von Durchfällen unter Antibiotikagabe oder das Auftreten von hefepilzbedingten Haarbalgentzündungen am Decollete nach Antibiotikagabe. Grund ist hier eine Beeinträchtigung der normalen Keimflora zu Gunsten einzelner Erreger, die dann zu den beschriebenen Symptomen führen. Eine Allergie liegt hier nicht vor, ein Allergietest ist nicht sinnvoll und zielführend. Eine Verunsicherung von Patienten dahingehend, es handele sich um eine Allergie, kann jedoch erfahrungsgemäss zu gravierenden Folgen aufgrund der Unterlassung notwendiger Behandlungen führen.

 

2. Pseudoallergien: Einzelne Medikamente, z.B. Röntgenkontrastmittel oder örtliche Betäubungsmittel sowie bestimmte Schmerzmittel können im Körper allergieähnliche Symptome durch die Freisetzung des Botenstoffes Histamin aus Mastzellen auslösen. Dies ist in der Regel dosisabhängig. Das Immunsystem ist im Gegensatz zu echten Allergien an diesen Reaktionen nicht beteiligt. Allergietests bleiben bei pseudoallergischen Intoleranzreaktionen daher  immer negativ. Sie machen nur gelegentlich Sinn, um echte Allergien auszuschliessen, sofern ein solcher Verdacht besteht. Ein negativer Allergietest bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass das Präparat künftig vertragen wird.

 

3. Echte Allergien: Diese können auf fast alle Medikamente auftreten. Häufig sind jedoch Antibiotika und bestimmte Blutdrucksenker bzw. Psychopharmaka auslösend. Man unterscheidet zwischen Reaktionen vom Soforttyp, die binnen 8 Stunden nach Verabreichung meist in Form von Quaddeln. Luftnot etc. auftreten von erst danach auftretenden Spätreaktionen, die sich dann meistens als "Ausschläge" unterschiedlichen Aussehens äussern.  Für einzelne Wirkstoffe wie z.B. Penicilline gibt es die Möglichkeit, einen Allergietest im Blut durchzuführren, andere Medikamente können im Hauttest überprüft werden.

 

 

Ein offenes Wort zu so genannten "prophylaktischen Tests":

 

Häufig stellen sich Patienten, meist von ärztlichen oder zahnärztlichen Kollegen empfohlen, mit dem Wunsch vor, z.B. vor einem operativen Eingriff oder einer Röntgenuntersuchung prophylaktisch die Verträglichkeit von Lokalanästhetika (= örtliche Betäubungsmittel) oder Kontrastmitteln überprüfen zu lassen. Man erhofft sich damit eine vom Allergologen bescheinigte Garantie für die Anwendungssicherheit.

 

Eine solche Aussage ist jedoch durch den Allergologen nicht möglich, denn

 

a) es handelt sich in der Regel um die oben beschriebenen "Pseudoallergien", für die keine sichere Testmöglichkeit existiert

b) potentielle Effekte sind oft dosisanhängig oder durch Stoffwechselprodukte von Medikamenten verursacht und nicht in Allergietests reproduzierbar

c) es können mit einem Allergietest generell keine Aussagen für die Zukunft getroffen werden. Ein Mensch kann z.B. ein Präparat heute vertragen und trotzdem binnen 1 Woche doch allergisch darauf reagieren.

 

Zudem ist immer zu berücksichtigen, daß auch eine Applikation im Rahmen von Hauttests sogar erst zu einer Allergieauslösung führen kann. Diese Testungen sollten daher sehr verantwortungsbewusst und sinnvoll (nur bei einem echten Verdacht) eingesetzt werden.

 

Die Risiko-Nutzen-Abwägung des Einsatzes von Medikamenten liegt in der Verantwortung des behandelnden Arztes oder Zahnarztes. Ein 100%ige Risikovermeidung ist nur durch Verzicht auf den Einsatz der betreffenden Substanz möglich.